August 2017 - Ruhe

Michael DiehlVor kurzem gab es eine Fernseh-Dokumentation über eine deutsche Familie, die nach Irland ausgewandert ist. Der Mann zog schon einmal alleine voraus, um nach Arbeit und einem Haus zu suchen. Später kamen seine Frau und die beiden Kinder nach.

Das Leben war für sie nicht immer einfach; mehrmals wurde der Mann auf Grund der Krise in Irland arbeitslos. Doch zurück nach Deutschland wollten sie auf keinen Fall, da waren sie sich einig. Alle waren von ihrem neuen Leben begeistert. Am besten gefiel ihnen, dass sie viel mehr Zeit hatten als früher. Warum, dass wussten sie selbst nicht so genau, schließlich arbeiteten sie ja auch in der neuen Heimat. Doch das Leben in Irland war langsamer als in Deutschland. Auch den Kindern fiel auf, dass ihr Vater jetzt viel öfter zu Hause war.

In Irland leben die Menschen andere Werte als bei uns, und nicht jedem würde das liegen. Ordnung, Sauberkeit und ein schmuckes Haus sind Werte, die in Irland zugunsten der Familie und der Allgemeinheit zurückgestellt werden. Dadurch leben viele entspannter als bei uns. Unsere Werte prägen unser Leben. Nur selten hinterfragen wir, ob es sich lohnt, für unsere gesellschaftlichen Werte alles zu geben und vieles zu opfern. Diese Familie hatte mit den irischen Werten eine neue Lebensqualität und mehr Ruhe gefunden.

Von Ruhe redet auch Psalm 62: Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung. Bei Gott finden wir wahre Ruhe, denn bei ihm gelten andere Werte als in unserer schnellen Gesellschaft. Gottes Wert heißt Vergebung. Fehler sind nicht mehr die größten Unfälle des Lebens. Fehler werden vergeben und unschädlich gemacht. Und dann darf ich ganz neu anfangen. Nicht nur einmal, bei meiner Bekehrung, sondern wann immer ich das brauche. Gott ist ein Gott der nächsten Chance. Gottes Wertmaßstab heißt Liebe. Ich bin so, wie ich bin, völlig geborgen und willkommen. Es gibt nichts, was ich beweisen müsste oder erbringen müsste. Es gibt nichts zu tun, um mir Gottes Liebe zu erhalten. Sie ist da, und sie endet nie.

Freiheit - noch so ein Wert, den Gott schenkt. Ich bin frei von den Sorgen des Alltags, ich bin frei von der Sorge um mein Leben. Dafür darf ich Mut tanken. Mut, Entscheidungen zu treffen, die der Größe Gottes entsprechen, frei, neue Wege fern der Trampelpfade bequemer und ängstlicher Religiosität einzuschlagen.

Und dann ist Gott noch ein Gott der Ewigkeit. Nicht das bisschen Leben ist es, was zählt. Das Leben, das Gott schenkt im Hier und Jetzt und später in seiner neuen Welt, ist die Grundlage meines Lebens, meines Denkens und Handelns. Das ist Hoffnung, die trägt, und Hoffnung, die entspannt. Ich stehe auf Gottes Vergebung, auf Gottes Liebe, auf Gottes Versorgung und seiner Ewigkeit.

Leider machen wir es nur selten wie die Familie, die nach Irland auswanderte. Wir bleiben nicht in Gottes Spur. Wir sind Pendler. Wir pendeln zwischen Gottes Anforderungen und unseren Anforderungen hin und her. Mal leben wir Gottes Werte und dann doch wieder die der Welt. Wir würden das Alte gerne hinter uns lassen, doch dann sind wir zu zaghaft und versuchen, beidem gerecht zu werden. Das zerreißt uns und bringt einen großen Unfrieden in uns hinein. Oft haben wir im entscheidenden Augenblick nicht die Kraft, uns auf die Seite der Werte Gottes zu schlagen, und so leben wir oft ein Leben, das nicht von Ruhe, sondern von Angst, Sorge und Anspannung gezeichnet ist. Bei Gott kommt meine Seele zur Ruhe, wenn ich umsiedle und nach seinen Maßstäben lebe.

Doch solange wir immer wieder hin und her pendeln, wenn wir in seinen Maßstäben nicht so sehr zu Hause sind wie in denen unserer Umwelt, wird uns die Unruhe immer wieder erfassen. Dabei geht von den Maßstäben dieser Welt, von Besitz, Schönheit, Ansehen und vielem mehr, keine Hoffnung aus. Wer hinter ihnen her rennt, der kommt nie zur Ruhe, der kommt nie an ein Ziel. Wer mit seinem Leben, seinen Wünschen und Ängsten immer mehr bei Gott einzieht, wer sein Herz immer mehr von Gottes Maßstäben erfüllen lässt, der kommt immer mehr zur Ruhe und findet seinen Frieden.

Michael Diehl