Februar 2018 - Beten

Michael DiehlWarum betest du? Diese Frage ist eine der grundlegendsten überhaupt. Der eine oder andere wird einwenden: "Was soll diese Frage? So etwas fragt man als Christ nicht, das ist doch klar." Und doch - jeder von uns hat sich sicher schon einmal gefragt, wieso man einem Gott, der alles weiß, alles noch einmal erzählen soll.

Wieso soll ich Jesus sagen, was ich brauche, wenn er mir doch versprochen hat, dass der Vater das sieht, bevor ich es überhaupt ausspreche?

Auf diese Frage gibt es nicht die eine Antwort, sondern mit der Zeit haben Christen ein Bündel von Antworten gefunden, von denen einige mehr, andere weniger ansprechend sind. Was ist deine Antwort? Warum betest du? Damit geschieht, worum du Gott bittest? Weil Gott gebeten sein will? Um Teil von Gottes Plänen mit der Welt zu werden? Um Gottes Arm zu bewegen? Um zu wissen, was Gott mit dir vorhat?

Timothy Keller, ein Pastor aus New York, geht in seinem absolut lesenswerten Buch "Beten – dem heiligen Gott nahekommen" dieser Frage nach und beleuchtet sie aus verschiedenen Richtungen. Dabei ist mir eins beim Lesen ganz neu aufgegangen und wichtig geworden, was der tiefste Grund für das Gebet ist. In meinen Worten würde ich, was er schreibt, so ausdrücken: Wir beten, weil dies die wertvollste und schönste Zeit des Tages ist. Wir beten, weil es für uns nichts Emotionaleres und Ergreifenderes gibt, als in die Gegenwart des Vaters, des Sohnes und des Geistes einzutauchen.

"Gott ist die Liebe" (1. Joh 4,16), sagt Johannes in seinem ersten Brief. Aber oft sind wir versucht, diese Liebe rein intellektuell zu beschreiben und zu verstehen. Sie ist für uns eine biblische Wahrheit, die geglaubt werden darf. Und so gibt es viele Christen, bei denen diese Liebe tief in ihren Kopf steckt, aber das Herz nie wirklich erreicht und von Grund auf verändert hat. Johannes Calvin beschreibt das in seiner Institutio so: "Denn Gottes Wort ist nicht schon dann im Glauben erfasst, wenn man es ganz oben im Hirn sich bewegen lässt, sondern erst dann, wenn es im innersten des Herzens Wurzeln geschlagen hat. Die Vertrauenslosigkeit des Herzens ist ja auch so viel größer als die Blindheit des Verstandes, und es ist viel schwieriger, dem Herzen Gewissheit (der Liebe Gottes) zu verleihen, als den Verstand mit Erkenntnis zu füllen."

Es ist leichter zu sagen, dass Gott die Liebe ist, als es auch zu fühlen. Es ist leichter, ein Buch über Gottes Liebe zu schreiben, als Gottes Liebe im Herzen zu empfinden. Ja, es ist sogar möglich, an Jesus zu glauben, gerettet zu sein und in der Nachfolge zu stehen, ohne immer wieder diese Augenblicke des Überwältigtseins von der Liebe zu kennen. Dann ist die Antwort auf unsere Frage immer nur ein Versuch, das Gebet logisch zu begründen. Aber damit bleiben wir hinter der ganzen Wahrheit weit zurück. Allein mit Logik lässt sich das Wesen des Gebets nicht beschreiben.

Die Schriften wichtiger Christen der zweiten Generation der Kirchenväter bedienen sich, genauso wie die Lieder von Paul Gerhardt oder Zinzendorf, einer oft sentimentalen und gefühlvollen Sprache, wenn sie von Jesus reden. Für sie ist Jesus die Liebe ihres Lebens - und das nicht nur als theologische Wahrheit. Sie reden davon, dass der Christ im Gebet die Gegenwart Jesu genießen kann und soll. Wenn, wie Paulus sagt, die Liebe Gottes "in unsere Herzen ausgegossen" wurde (Röm 5,5), dann ist unser Herz der Ort tiefster Liebesempfindung. Dann ist Gebet die Zeit, in der ich die Nähe des Gottes erleben und genießen darf, der mein Leben verändert hat wie sonst niemand. Die Nähe des Gottes, der mir immerzu in mein Herz flüstert, wie sehr er mich liebt und wie sehr er froh ist, mich erlöst zu haben. Wie sehr er sich freut, mit mir die Ewigkeit zu verbringen, und dass er es kaum erwarten kann, dass ich ihn sehen werde.

Wer Jesus Christus so erlebt, weil er die Wahrheit der Liebe Gottes nicht nur im Hirn bewegt, wie Calvin es sagt, sondern weil sie den Zweifel des Herzens besiegt hat, der wird auf die Frage "Warum betest du?" antworten: Ich bete, weil es keine Zeit in meinem Leben gibt, in der ich mich mehr geliebt, geborgen, getragen und verstanden fühle als in den Zeiten, in denen ich dem dreieinigen Gott mit meinem ganzen Herzen nahe bin. Weil es keine Zeit in meinem Tagesablauf gibt, die mich mehr verändert, ermutigt, ausrichtet und inspiriert als diese Zeit. Die Zeit des Gebets.

Michael Diehl