Aug. 2018 - Durch Gottes Gnade

Michael DiehlImmer wieder mal hört man von Millionengewinnern, die mit einem solch großen Betrag nicht zurecht gekommen sind und mit der Verwaltung ihres gewonnenen Vermögens überfordert waren. Sie haben gewonnen, z. B. beim Lotto.

Doch der riesige Betrag, den sie dann plötzlich auf ihrem Konto hatten, hat ihr Leben nicht leichter, sondern komplizierter gemacht. Nur wenige dieser plötzlichen Gewinner schaffen es, das Geld vernünftig und nachhaltig anzulegen. Was tut man auch mit so viel Geld? Wem vertraut man es an? Wer kann einen wirklich beraten? Oft bleibt dann von dem großen Gewinn nach einigen Jahren nichts mehr übrig.

Es ist nicht immer einfach, eine Chance zu haben und dann wirklich etwas daraus zu machen. Jeder hat diese Erfahrung schon gemacht. Da ist man wider Erwarten wieder gesund geworden. Als man krank war, dachte man: Wenn ich noch einmal eine Chance bekomme, wenn ich wieder zu Kräften komme, dann werde ich mein Leben ändern. Ich werde mir andere Ziele setzen und bewusster leben.

Auch mit Gott schließen wir manchmal solche „Verträge“: Wenn du mich erhörst, wenn du mir in dieser Lage hilfst, dann werde ich in Zukunft die Beziehung zu dir intensiver leben. Doch wir schaffen es nicht. Wir nutzen die Chance nicht, die sich uns bietet. Bald ist wieder alles beim Alten.

Dabei haben wir in Jesus die größte Chance unseres Lebens. Wir bekommen durch ihn völlig gratis - ohne etwas tun zu müssen - neues Leben. Paulus schreibt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1. Kor. 15,10). Gottes Gnade ist die Chance meines Lebens. Durch sie habe ich Vergebung meiner Schuld, durch sie bin ich ein neuer Mensch, durch sie bin ich gerettet, durch sie habe ich ewiges Leben. Das müsste, so könnte man meinen, unser Leben völlig umkrempeln.

Gottes Gnade ist doch viel mehr wert als ein paar Millionen im Lotto. Durch Gottes Gnade bin ich Gottes Kind. Das heißt: Ich habe einen Vater im Himmel, der mich versorgen will, der mich beschützt, der mir einen Sinn gibt. Doch bei vielen Christen hält diese Erkenntnis nicht sehr lange. In den Hochzeiten des Glaubens, bei der Bekehrung, zu besonderen Anlässen, da erleben sie diese Gnade ganz bewusst. Sie nehmen sich viel vor und trauen Jesus viel zu. Doch nach ein paar Wochen ist alles wieder auf Anfang. Die Gnade, so scheint es, das neue Leben in Jesus, hat keine große Macht in ihrem Leben. Die Sorgen um die Zukunft, der Wunsch nach bestätigtem Leben, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, all das hat mehr Macht und mehr Gewicht.

Für manche Christen ist es völlig normal geworden, in zwei Welten zu leben. Sonntags und für ein paar Minuten am Tag leben sie in der Welt des Glaubens. Sie schnuppern ein wenig ewiges Leben, gerade mal so viel, dass es reicht, das Gewissen zu entlasten und ein wenig Trost zu geben. Doch die meiste Zeit leben sie, als würde es Gottes Gnade nicht geben.

„Durch Gottes Gnade bin ich was ich bin“, sagt Paulus. Er war einer, der Gnade atmete und lebte. Alles, was er tat, tat er aus dieser Erfahrung der Gnade. Er verzichtete auf ein gesichertes Leben, weil Gnade ihm Sicherheit gab. Er arbeitete als Zeltmacher, damit er Gemeinden gründen konnte, weil er der Gnade verpflichtet war. Er wurde verfolgt, weil die Gnade sein Leben in allem prägte. Paulus lebte nur in einer Welt, der Welt der Gnade. Sie alleine prägte und beeinflusste sein ganzes Leben, seine Gedanken und sein Tun. Für ihn war Gnade realer als alles Sichtbare dieser Welt.

Wir leben heute oft in zwei Welten, der Welt der Gnade und der Welt, in der wir leben. Wir wissen nicht, wie wir beide zusammenbekommen sollen. Dabei wäre es gar nicht so schwer. Es würde nur heißen, unseren Sorgen und Ängsten zu sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“, nicht auf Grund meiner Anstrengungen und Überle- gungen.

Michael Diehl